Donnerstag, 19. November 2020

Von der Angstkultur zur Schuldkultur

 

 

Die psychosoziale Entwicklung menschlicher Gesellschaften in 7 Stufen:

 

1. Angstkultur.

2. Schamkultur (bewusst)/Angstkultur (unterbewusst)

3. Schuldkultur (bewusst)/Schamkultur (unterbewusst)/Angstkultur (unbewusst)

4. Schuldkultur (bewusst)/Angstkultur (unterbewusst)

5. Schuldkultur (bewusst)/Schamkultur (unterbewusst)

6. Schamkultur

7. Schuldkultur


1 ist archaisch, menschliches Tierreich.

2 ist in tyrannischen Gesellschaften die Regel.

3 ist in einer typischen heutigen Schuldkultur mit unverarbeitetem psychosozialem Erbe anzutreffen.

4 ist der Bruch mit der lastenreichen Schuldkultur, der Weg in den kollektiven Wahnsinn durch Schamlosigkeit. Das ist die psychosoziale Formel der Nazizeit.

5 ist der berühmt-berüchtigte herrschaftsfreie Diskurs; keine Angst vor Willkür und Tyrannei (Gesellschaft ohne Folter usw.), aber Furcht vor sozialer Ausgrenzung.

6 ist der reine Kollektivismus ohne individuelle Verantwortung, aber auch ohne Angst vor Tyrannei und Willkür (feministisches Paradies).

7 ist die psychosoziale Formel einer Gesellschaft des kategorischen Imperativs, psychosozialer Kantianismus.

Mittwoch, 23. September 2020

Aufklärung

 

 

  

Auf die neue Heiterkeit des Barock folgte eine neue Naivität: man vergleiche nur die politische Philosophie des düsteren Kenners der human nature und conditio humana Thomas Hobbes mit der des geistigen Vaters des American way of life John Locke. Hobbes Leviathan setzte den Schlusspunkt unter die Horrorzeit der Reformation, Lockes bibelbasierte Anspruchshaltung bezüglich irgendwelcher Bullshit-Rechte und irgendeiner vom Schöpfer persönlich garantierten ursprünglichen Gleichheit zeigte die Gedankenlosigkeit des politiktheoretischen Neuanfangs. Diese Naivität trieb ein Menschenleben später Rousseau auf die Stufe des vollkommenen Wahnsinns, indem er von phantasmagorischen Default-Zuständen in der Politik ausging: alles gehörte irgendwie allen und alle waren irgendwie glücklich, doch der Egoismus führte dazu, dass der edle Wilde das Paradies verlassen und den Staat gründen musste. Auf kindliche Legitimationen von Gesellschaft und Staat folgten kindische Behauptungen über den vermeintlich natürlichen bzw. künstlichen Zustand der Menschheit.

Aus der Entdeckung der Natur wurde ihre Entzauberung. Dies führte zum Nihilismus, der auch den Menschen schließlich zur Maschine erklärte (La Mettrie). Auf der Weltbühne der politischen Öffentlichkeit führte Voltaire die Figur des Dissidenten ein: Protest als Pose anstatt eines Kampfes um Veränderungen und Reformen. Die Aufklärung war eine zweite negative Phase der Neuzeit, aber keine zweite Reformation. Perestroika war nicht en vogue, Zerstörung war cooler als Umbau. Der französische Kant-Darsteller Robespierre inszenierte mit der Französischen Revolution die erste große Show der Gesellschaft des Spektakels, der echte, kontemplative, nicht aktive Kant, war begeistert. Die politische Philosophie des Deutschen Idealismus war vom Fortschrittsparadigma der neuzeitlichen Naturwissenschaften infiziert und sah in der Zerstörung der alten Ordnung den Weg zum evolutionär vorherbestimmten Idealzustand.

Mit den politischen Schlagworten Freiheit, Gleichheit und Stabilität (oder war das Fraternität?) kündigten sich in der Aufklärung die drei politischen Ideologien der Moderne an: Liberalismus, Sozialismus, Faschismus. Das 19. Jahrhundert versöhnte sie in der bürgerlichen Gesellschaft unter dem Prinzip des Nationalismus: politisch Faschismus, wirtschaftlich Liberalismus, kulturell Sozialismus, Tendenzen, in der Biedermeierzeit zart angedeutet, zum Jahrhundertende bis zum Zerreißen des Behagens in der Kultur realisiert.

Freitag, 18. September 2020

Psychopolitische Phasen der Neuzeit

 

 

Renaissance 1340-1525 Positive Gründungsphase der humanistischen Hochkultur

Reformation 1485-1648 Erste negative Phase: religiöser Fundamentalismus als lebensverneinende psychopolitische Bewegung

Barock 1580-1750 Cartesianische Rückbesinnung auf das Subjekt, individualistischer Liberalismus, Empirismus/Rationalismus

Aufklärung 1690-1850 Szientistischer Materialismus; lebensverneindene Weltdekonstruktion durch Naturwissenschaft

Bürgerliches Zeitalter 1815-1968 Hedonistische Moderne: Ernte der Frucht des wissenschaftlichen Fortschritts

Antihumanismus seit 1914 Dritte und letzte Negationsphase; totale Lebensverneinung im Willen zum Nichts



Phase I Kindlich, unmittelbare Affirmation/Negation

Phase II Logisch vermittelt, "wissenschaftlich"

Phase III Nihilistisch-postlogisch, fatalistisch

 

Drei Negationsphasen, drei dreißigjährige Kriege

 

 

 

Der Hundertjährige Krieg war ein Krieg der Renaissance. Die negationistische Gegenbewegung, die Reformation, mündete in einem viel schrecklicheren Krieg, der aufgrund der apokalyptisch wahrgenommenen Türkengefahr verschoben werden musste. Karl V hätte ihn sicherlich geführt, der katholische Fundamentalist Philipp II noch gerner, doch Süleyman der Magnifiziente hätte das sich totalbekriegende "Lateineuropa" (Bernd Roeck) mit Sicherheit erobert. Nach dem erschöpfenden Dreißigjährigen Krieg standen die Türken wieder von Wien. Das Resultat war dann doch nicht so dramatisch. More was lost at Mohács.

Jede Negationsbewegung sammelt einen Frustrationsstau, der sich entladen muss. Der totale Krieg enlädt die Spannung und erlöst den weltverneinenden Geist in das Du Darfst der Weltbejahung. Die Kabinettskriege des Barock waren im Vergleich zum nullten Weltkrieg Europas Ritterturniere. Die nihilistische Aufklärung endete mit den Napoleonischen Kriegen; Europa war im 18. Jahrhundert aber schon Herr der Welt, deshalb musste der Siebenjährige Krieg nicht warten. Der lange Frieden des 19. Jahrhunderts entsprang dem mediokritären Hedonismus des bürgerlichen Zeitalters. 

1914 passierte etwas Ungewöhnliches: der größte Krieg der bisdahinnigen Geschichte entlud die angestauten Negationskräfte nicht am Ende, sondern gleich zu Beginn der nächsten negativen Phase. Und 20 Jahre nach seinem Ende ein weiterer, noch größerer Krieg. Und keine 20 Jahre später fast ein Atomkrieg. Die dritte und letzte Negationsphase entlud wohl die Widersprüche nicht nur des bürgerlichen Zeitalters, sondern der ganzen europäischen Neuzeit.

Dienstag, 15. September 2020

Das negative Ich

 

 

  

Dass das Ich begrifflich betrachtet „einfache Negation“ ist, erschließt sich auf dem Höhepunkt der abendländischen Philosophie dem deutschen Idealisten Hegel. In der Frührenaissance beginnt das humanistische Ich seine Reise als lebensbejahendes aktives, aggressives, kreatives und nach Ruhm, Geld und Macht strebendes Subjekt. Doch wer das Leben bejaht, kann sich selbst im Leben verlieren. Und hier kommt Savonarola ins Spiel.

„Simplify your life“ ist nicht der Punkt: natürlich forderten schon der heilige Franziskus und viele große Mönche und Eremiten Jahrhunderte vor ihm, dass wir zur gottgefälligen Einfachheit zurückkehren. Das war bloß Ethik. Hier geht es um eine existentielle Frage. Egal, wie groß, reich und mächtig ich bin, ich bin sterblich. Da ich das Zentrum meiner Welt bin, ist mein Ende der Weltuntergang. Verabsolutiere ich mein Ich, wird für ebenmich mein Leben sinnlos. Das ist die Dialektik der Ich-Religion.

Um das Ich in die Transzendenz zu retten, muss ich das Leben negieren. Weltflucht, Lebensfeindlichkeit, Züchtigung des Fleisches: in der Hauptstadt der Renaissance predigte der erste negative Nihilist der Geschichte genau das. Um mein Ich vor der Sterblichkeit zu retten, muss ich das Sterbliche an ihm töten. Historisch ist Savonarola, nicht Jan Hus oder John Wyclif, der erste Reformator. Eng gesehen, geht es der Reformation um eine Reform der Kirche bzw. des christlichen Glaubens. Doch im Zeitalter des Humanismus ist der Staat die Kirche und der Glaube ist nicht christlich.

Auf die lebensbejahende Renaissance folgte die lebensverneinende Reformation, gefolgt vom lebensbejahenden Barock und der lebensverneinenden Aufklärung. Am Ende einer Verneinungsbewegung sind die mentalen Kräfte erschöpft, man nimmt wieder die Vergänglichkeit im Kauf, wenn man dafür ein paar schöne Tage genießen kann. Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! Die Romantik ist als wiederverzaubernde Gegenbewegung der entlarvenden Aufklärung der Beginn des bürgerlichen Zeitalters, das Unbehangen in welchem sich im europäischen Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhunderts entlädt.

Die Vollendung fand der negative Nihilismus bei Emil Cioran. Der größte Philosoph des 20. Jahrhunderts zeigte die Unmöglichkeit weiterer Affirmation und ebenso die Sinnlosigkeit abermaliger Negation. In ironischer Bejahung begrüßte er den Beginn der Nazizeit von Transsylvanien aus, über die begeisterte Affirmation der Machtergreifung durch Heidegger konnte er nur schmunzeln. Der Faschismus war die letzte große Negationsbewegung. Was danach folgte, war posthumane Affirmation: der Wille zum Nichts.

Donnerstag, 20. August 2020

Die Inichischizität des Einen

 

 

 Wo Ich ist, da sind auch Nicht-Ich und Du; eine göttliche Persönlichkeit setzt eine außergöttliche Außenwelt und einen göttlichen Widersacher voraus. Deshalb kann der (eine, absolute) Gott keine Person sein.

 Der hohe Mystiker entdeckt keine göttliche absolute Persönlichkeit, sondern eine erhaben-nichtende wie lieblichial-zartifizielle Soheit, die zugleich eine unergründliche sichändernde Andernis ist; die Vereinigung mit der Ruhe des Unpersönlichseins im Auge des Sturms der radikalen Einzelnheit ist die mystische Erfahrung des Einen.

 Ist der Satz "Ich bin es wert, um meiner selbst willen geliebt zu werden" für dich, wenn du mit dir ehrlich bist, wahr, dann ist es unwahrscheinlich, dass du an den christlichen oder einen ähnlichen Gott glaubst. Ist dieser Satz eine erbauliche Lüge, die du gern glauben willst, bist du anfällig für diese Art von Religion. Weißt du, dass dieser Satz für dich unwahr ist, und glaubst verlogenerweise dennoch daran, bist du ein Narzisst. Der christliche Weg ist ein Weg von empfundener Minderwertigkeit und Ungeborgenheit in den Narzissmus.

Mittwoch, 19. August 2020

Die Uhrkarte der Welt

 

Das Schöne

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Das Angenehme......................................................................................Das Hässliche
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Das Ekelhafte
 


Das Schöne ist in der intellektuellen Anschauung (Blick auf die Karte) das Höchste. Das Gute ist oberhalb der 9Uhr-3Uhr-Linie (das absolute Gute ist das Höchste (auf 12Uhr), was diskursiv zu der Erkenntnis führt, dass das absolute Gute das Schöne ist). In der oberen Uhrhalbkugel Befindliches ist relativ gut. Das Wahre ist diese ewige Karte des Universums selbst.


Drehen wir an der Uhr:

0/12: Das Schöne/das absolute Gute
1: das schön Erhabene
2: das stark Erhabene
3: das Hässliche
4: das Alter
5: die Krankheit
6: das Ekelhafte
7: das Perverse
8: das ungesund Angenheme
9: das Angenehme
10: das Erotisch-Verführerische
11: das Liebreizende

Donnerstag, 13. August 2020

Selbstmorde Europas

 

 

 

Der Erste (dritte) Weltkrieg gilt als das größte Waswärewenn in der Geschichte der Geschichte: was, wenn dieser Selbstmord Europas nicht stattgefunden hätte? Hätten wir vielleicht eine EU als Welthegemon mit USA und Russland als deren Wachhunde der westlichen resp. östlichen Halbkugel? Wäre die Welt für immer und ewig eine europäische Wertegemeinschaft der Menschenrechte und Demokratie?

Ob links-aufklärerisch/liberal-progressiv oder eurozentrisch-rassistisch: beide Standpunkte ewigen Bedauerns des Stattgefundenseins von 1914-1918 sind träumerisch-romantischer Natur. Es gab nie eine europäische Wertegemeinschaft, es gab immer Krieg gegen sich selbst in Europa. Das Abendland kennt stolze drei dreißigjährige Kriege mit Millionen Toten: 1618-1648, 1789-1815, 1914-1945. Alle drei hinterließen Zerstörungen, von denen sich die westliche Hochkultur nie wirklich erholte.

Der erste dreißigjährige Krieg senkte den Vitalwert Europas und öffnete das Tor zur Frühmoderne: die materialitisch-nihilistische Aufklärung, der Moralverfall in den Phänomenen Empfindsamkeit und Rokoko, der philosophische Siegeszug des Utlitarismus (Hedonismus der Massen). Der zweite dreißigjährige Krieg senkte den Vitalwert noch einmal und Europa verabschiedete sich von seiner humanistisch-barocken Thymosgesellschaft: die Eros-, die Giergesellschaft des Proprietarismus entstand. Von da an regierte das Geld die Welt. Der dritte dreißigjährige Krieg senkte den Vitalwert unter das natürliche Niveau und es begann die ultradekadente Postmoderne.

Welcher dieser „Selbstmorde Europas“ sollte am besten nicht stattgefunden haben? War nicht jeder gleich verheerend, aber auch gleichermaßen in der Logik der europäischen Geschichte begründet?

Mittwoch, 12. August 2020

Seins- und Habensgesellschaft

 

 

 

Nach 200 Seiten Thomas Pikettys "Kapital und Ideologie" fällt eine Entdeckung auf, die er vielleicht gemacht hat, aber zu links ist zu enthüllen: den Übergang von der Seinsgesellschaft der Stände (Klerus, Adel, 3. Stand) zur Habensgesellschaft des von ihm selbst so genannten Proprietarismus.

Solange der Adel um Macht und Ehre, der Klerus um Sinn und Lehre bemüht sind, kennt der 3. Stand seinen Platz. Wenn aber die Kirche ihre Privilegien missbraucht, um sich zu bereichern, und wenn der Adel Geld und Besitztümer statt Ehre anhäuft, dann hat die Stunde der Eigentumsgesellschaft geschlagen: wenn es nur noch um Geld geht, haben sich die höheren Stände selbst auf die Ebene des 3. Standes erniedrigt, und nun ist es folgerichtig, dass dieser Gleichstellung fordert.

In der Kultur sind Klerus und Adel solar-ideational/idealistisch, in der Dekadenz lunar-idealistisch resp. lunar-sensualistisch und in der Ultradekadenz chthonisch-sensualistisch. Somit hat es die Französische Revolution dem Sein nach nicht gegeben, sie hatte nur eine zufällige historische Existenz, denn andere Länder kamen auch ohne dieses politische Theaterstück von der Stände- zur Eigentumsgesellschaft.

 

Montag, 27. Juli 2020

Wissenschaft als Religion





Der Atheismus/Szentismus ist die Ich-Religion. Welchen Aspekt betonen die einzelnen Ideologien des Humanismus? Der Liberalismus setzt den Schwerpunkt in das Ich, die Selbstbestimmung des Individuums. Alle drei Humanismen würden den Satz „Die Würde des Menschen ist unantasbar“ unterschreiben, wobei darunter im Liberalismus die Würde des einzelnen Menschen, im Sozialismus die Würde des Menschen als Menschen und im Faschismus die Würde des durch Gruppenzugehörigkeit besonderen Menschen verstanden wird.

Die Würde des Menschen als Menschen bezieht sich nicht auf die Gattung als Tierheit, sondern auf die Gottlosigkeit, auf die Selbstbestimmung des Kulturmenschen. Der Sozialismus ist vor allem ein Atheismus. Die Menschheit ist substanziell, die einzelne Person akzidentell. Der Massenmord von politischen Häftlingen ist keine „Der Zweck heiligt die Mittel“-Rechnung, sondern schon an sich als Wohltat gegenüber anderen, politisch korrekten Staatsbürgern gedacht.

Der Faschismus ist vor allem Szientismus, aber was für einer? Einer, der die „jüdische Physik“ des Landes verweist, die „arische Rasse“ von besseren Hominiden abstammen lässt als den Rest der Menschheit, wissenschaftliche Beweise für rassistische Weltanschauungen konstruiert. Wissenschaft als Ideologie ist nicht frei, und wird zur Pseudowissenschaft. Aber auch das Ich im Liberalismus wird nicht zur frei entfalteten Persönlichkeit, sondern zur entpersonalisierten und idiotisierten Drohne. Die Menschheit, als deren Wohltäter sich der Sozialismus versteht, wird nicht gerettet oder verwohltätigt, sondern vergewaltigt und ins Elend gestürzt.

Sonntag, 21. Juni 2020

Es war der Omega!





Im Film "Der Fall Richard Jewell" überschlagen sich Film und Wirklichkeit: Folgendes ist tatsächlich passiert. Ein unscheinbarer übergewichtiger Security-Typ mit geringem Selbstvertrauen, der bei seiner Mutter wohnt, Waffen besitzt, gern schießt und jagt, wird zum Helden, indem er bei einem Bombenanschlag die Bombe rechtzeitig entdeckt und Schlimmeres verhindert. Doch in dieses Profil passt der Omega Jewell so gar nicht, stattdessen in ein anderes: ein frustrierter Mann mittleren Alters, der selbst die Bombe legt, um als Held berühmt zu werden. Die Story ist so glaubhaft, dass die Öffentlichkeit sofort überzeugt ist, der vermeintlich vermeintliche Held sei der Täter.  

Als Zweifel an der Schuld des Omega-Mannes aufkommen, der sein Leben lang verzweifelt versucht, ein starker Delta zu werden (er will nichts Besonderes sein, sondern seinen Beitrag in der Gesellschaft leisten und dafür respektiert werden), ist sein Schicksal dem Staat und der Presse einfach zu wenig wert, um ihn in Ruhe zu lassen und weiter nach dem wahren Täter zu suchen: der FBI-Ermittler erntet den Ruhm, den Bombenleger gefasst zu haben, die Reporterin feiert einen Erfolg mit ihrer sensationellen Story, der Staat kann den Bürgern weiterhin vorgaukeln, sie vor terroristischer Bedrohung schützen zu können, indem der vermeintliche Täter schnell gefasst wird.

Anders als der Joker (2019) ist Richard Jewell eine reale Person, deren Leben durch die Medienhetze zerstört wurde und die mitunter an den Folgen der Mediankampagne schwer erkrankte und frühzeitig starb. Der Fall Richard Jewell ist aber nur deshalb bekannt geworden und verfilmt worden, weil die Unschuld dieses Helden letztlich doch erwiesen wurde. Wie viele Omegas werden aber von der Gesellschaft als Sündenböcke geschlachtet, nur weil die Story sich plausibel anhört, nur damit Staatsbeamte und Journalisten Karriere machen können, nur damit die Leute wieder ein Gefühl von Sicherheit haben!

Laut Vox Day muss man davon ausgehen, dass wenn einer Amok gelaufen ist, es mit großer Wahrscheinlichkeit ein Omega war. Ja, manchmal laufen Omegas Amok, aber es ist eher ein Wunder, dass so wenige Omegas Amok laufen angesichts dessen was die Gesellschaft ihnen antut. Als es um die Joker-Kontroverse ging, stellte der Youtuber Sargon of Akkad lapidar fest: „We live in a society“. Der fiktive Joker läuft Amok nicht im Vakuum. Es gibt Gründe dafür. Während sich der Joker-Film auf die Verwandlung eines gebrochenen Mannes in einen Schurken konzentriert, zeigt der andere große Omega-Film von 2019 den realen gesellschaftlichen Hintergrund, der jemanden wie Joker sowohl möglich als auch nötig macht.

Sonntag, 7. Juni 2020

Zwangskunde





Der Zwang dirimiert sich in äußere Zwangsläufigkeit (Drang wie z. B. der Harndrang), innere Zwangsläufigkeit (ein Held oder Heiliger zwingt durch seine Taten Menschen mit Anstand und Würde zu Achtung; das bessere Argument zwingt den Klugen, aber „der Geist kann die Dummheit nicht zwingen“ (Hegel)), äußeren freien Zwang (Gesetze, Normen, aber auch gesellschaftliche oder private Gewaltanwendung) und inneren freien Zwang (Selbstverpflichtung aus Freiheit z. B. nach dem kategorischen Imperativ).

Jedes Lebewesen unterliegt der äußere Zwangsläufigkeit, weshalb absolute Handlungsfreiheit (als vollständige Freiheit-von) unmöglich ist. Ein Mensch, genauer, ein Kulturmensch unterliegt der inneren Zwangsläufigkeit, weil er Vernunft, Anstand, Ehre und Würde hat. Der äußere freie Zwang ist die Willkürfreiheit anderer bzw. der Gesellschaft; dieser Zwang ist nur dann unausübbar, wenn man allen anderen Menschen die Freiheit nimmt und die Gesellschaft auflöst (es ist Anarchie und alle außer mir sind eingesperrt). Der innere freie Zwang ist im Gegensatz zur inneren Zwangsläufigkeit keine passive Wirkung des eigenen edlen Charakters, sondern eine aktive Willensanstrengung eines vernunftbegabten Wesens mit Willensfreiheit.

Donnerstag, 4. Juni 2020

Die Methode im Zentrum





„Wir behaupten keine metaphysischen Dogmen, wir wollen nur die Wahrheit zeigen“: so positionieren sich Anhänger von Religionen, die von der Existenz anderer Religionen wissen. Im Konkurrenzkampf der Religionen hat sich die Methode bewährt, den Gegenstand des Glaubens taktisch beiseite zu schieben und den Blick auf die Methode zu richten.

Die wissenschaftliche Methode behauptet keine ontologischen Wahrheiten, anstelle von Behauptungen sieht man das Experiment, die Messbarkeit, die Falsifizierbarkeit. Die Dogmen werden später durch die Hintertür eingeschleppt: wer die wissenschaftliche Methode annimmt, wird früher oder später Materialist, Atheist, Rationalist usw.

Das ist nicht neu: der Buddhismus lockt schon lange mit reiner Methode ohne Erwähnung des Glaubensgegenstandes. Besonders im Zen scheint es nur noch auf die Methode anzukommen: meditiere auf die und jene Art, und du wirst die Wahrheit sehen. Die Wahrheit ist aber, dass die Wahrheit wartet, bis der Konvertit in spe seine Abwehrhaltung abgelegt hat und bereit ist, die ontologischen Dogmen anzunehmen: „Ach, übrigens, du erzielst viel schnellere Erfolge bei der Meditation, wenn du wirklich daran glaubst, dass du ein Karma hast und im früheren Leben...“ 

Mittwoch, 3. Juni 2020

Die Religionen und die Wahrheit





Wie jede Religion behauptet der Atheismus/Szientismus, im Gegensatz zu den Religionen die Wahrheit zu sein (mit der üblichen Dichotomie Glaube vs. Wissen, Vernunft vs. Aberglaube). Auch das Christentum hielt sich ursprünglich für die Wahrheit im Gegensatz zu anderen Religionen, die bloß Religionen genannt wurden: es gibt unzählige Religionen, aber der Christ kennt die Wahrheit (die Auferstehung Jesu usw.). „Die Anderen glauben nur, aber wir wissen“, ist ein typischer Alleinerlösungsanspruch jeder Religion.

Die Wissenschaft an sich ist nicht schon Szientismus so wie das Gebet an sich nicht schon Christentum ist (in anderen Religionen wird auch gebetet). Die funktionale Betrachtung der Wissenschaft als Quelle der Technologie ist nicht szientistisch-religiös; die Empfehlung des Psychologen, zu beten, ist genauso nicht christlich. Aber der Glaube, das wissenschaftliche Weltbild sei wahr, ist ein religiöser Glaube.

Freitag, 29. Mai 2020

Irreligioten





Es gibt den ernstzunehmenden zeitgemäßen Atheismus, den unhinterfragten Glauben an das wissenschaftliche Weltbild. Und es gibt den Vollpfosten-Atheismus, der ostentativ darauf pocht, keine Religion zu sein und alle Religionen als Lug und Trug zu durchschauen. Dieser Atheismus tritt in der Pose des Widerstandskämpfers auf, obwohl der Atheist schon drei Menschenleben lang keinerlei Repressalien zu befürchten hat.

Dazu eine Anekdote: Damals in der Sowjetunion schnüffelte der Geheimdienst in Kirchen, um Akademiker beim Gottesdienst zu erwischen. Dann kam ein greiser Idiot mit zwei Klassen Schulbildung auf unseren Physikstudenten oder Doktor der Medizin zu und fing an zu belehren: Die Wissenschaft hat doch bewiesen, dass es Gott nicht gibt!

Der Szientismus hat es nicht nötig, Menschen, die an Gott glauben, lächerlich zu machen, da er als Weltanschauung, als Gesellschaftssystem und als Werte- und Normengeber herrscht. Wer sind dann diese lauthals schreienden Atheisten, die Gläubige verunglimpfen und eine Weltanschauung kritisieren, deren Zeit längst vorbei ist? Keiner glaubt heute im Ernst an Wunder, die Wiederauferstehung Jesu usw. In der Theologie ist man längst dazu übergegangen, all das metaphorisch zu nehmen.  

Wer verteidigt mit Eifer und Gehässigkeit eine Weltanschauung, die unwidersprochen herrscht? Loser. Sie wollen dazugehören, fühlen sich aber abgehängt. Sie haben es unbedingt nötig, demonstrativ „Ich bin ein Atheist!“ zu rufen, wie als jemand in der katholischen Messe rufen würde: „Ich bin Christ! Nichtchristen sind blöd!“ Der sich als verfolgte Minderheit darstellende Atheismus resultiert aus der Unfähigkeit, den Szientismus, die Religion des rationalen Denkens, auf ihrer geistigen Höhe anzunehmen. Diese Atheisten stehen auf derselben Stufe wie Anhänger magischer Religionen, sie glauben nicht an die wissenschaftliche Methode, sondern sie glauben an die Wissenschaft auf dieselbe magische Art wie ein Katholik an die Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi glaubt.

Donnerstag, 28. Mai 2020

Der Katechon





Der oströmische Kaiser war nach christlich-orthodoxer Vorstellung der Katechon, der Aufhalter des Antichrist. Solange Konstantinopel nicht fällt, kommt der Antichrist nach diesem magischen Glauben nicht in die Welt. Aber es gab noch den anderen Katechon, nämlich die als Ketzer verleumdeten Markioniten, Paulikianer, Bogomilen und Katharer. Diese wahren Christen folgten der tatsächlichen Lehre Jesu, nicht der Kirche. Konstantinopel fiel 1204 durch die Hand anderer Christen, Christen waren es auch, die die Katharer, die letzten jesustreuen Kezter, 1209-1229 vernichteten. Damit gab es niemanden mehr, der den Antichrist aufhalten konnte.


Mitte des 13. Jahrunderts war der Anfang vom Ende des mittelalterlichen Klimaoptimums, Anfang des 14. Jahrhunderts kam die Kälte und der Hunger, Mitte des 14. Jahrhunderts die Pest. Die große Flut von 1342 war katastrophal für Mitteleuropas Ackerbau. Das Papsttum verlor seine Autorität und die führenden Denker jener Zeit sprachen sich für das Primat der weltlichen Macht vor der geistlichen aus, darunter auch Petrarca, dessen Krönung zum poeta laureatus 1341 als der symbolische Beginn des Zeitalters der Ich-Religion bzw. der Anfang der Renaissance betrachtet werden kann. Das Aufkommen der Ich-Religion, des Atheismus/Szientismus war aber nach der Logik des Christentums nichts anderes als die Ankunft des Antichrist.

Die Reconquista und Don Quijote





Nach fast 900 Jahren der Reconquista bleibt Spanien in der magischen Welt des Christentums, während der Rest Westeuropas nach der Geburt der Ich-Religion, der Renaissance, davonzieht. Nach 1492 kämpft der spanische Don Quijote gegen die atheistische Weltordnung, doch schafft es trotz großer militärischer Macht nicht, die Avantgarde des Atheismus (England 1588, Niederlande 1648, Frankreich 1659) zu besiegen. Die spanische Weltflucht mithilfe der ausländischen Individualisten wie Columbus etabliert das katholische Lateinamerika als eine neue geoploitische Entität, doch über der ganzen Hispanosphäre hängt nichtdestotrotz der Schwermut der Nostalgie.

Nach dem Sieg von Las Navas de Tolosa 1212 wäre die spanisch und französisch geführte christliche Eroberung der islamischen Welt opportun gewesen, wenn sich die Kreuzzügler nicht 1204 mit der Eroberung des christlich-orthodoxen Konstantinopel und dem Albigenserkreuzzug ab 1209 verrannt hätten. So überrannte eine Generation später der Mongolensturm die östliche islamische Welt, während der westliche Teil zum geopolitischen Niemandsland verkam (darunter das in der Geschichte stets wichtige Ägypten und Jerusalem, das ursprüngliche Ziel der Kreuzzüge). Spanien kämpfte im 16. Jahrhundert für eine Welt, die nicht mehr existierte. Daher konnte Don Quijote nur in Spanien geschrieben werden.

Altruismus ist Gruppenegoismus





Wenn ich unwichtig bin, sind andere Menschen, andere Iche, ebenfalls unwichtig. Es macht keinen Sinn, sich um sich selbst nicht zu sorgen, stattdessen aber für andere. Dem transzendent Religiösen ist Dharma wichtig oder Gott oder die Götter oder der Sieg des Ahura Mazda gegen Ahriman. Der Mensch der Ich-Religion ist sich selbst das Wichtigste und damit werden auch andere Menschen wichtig, was zu Humanismus und Menschenrechten führt.

Aufgrund zwischenmenschlicher Interdependenz bedeutet die Aufwertung des eigenen Ich zwangsläufig eine Aufwertung der Mitmenschen. Wenn Ich mein Gott ist, und ich ein Mensch bin, dann interessiert mich auch der Mensch an sich, und zwar viel mehr als der Kampf des guten Prinzips gegen das böse oder die Erfüllung des Dharma.

Humanismus und Menschenrechte, Sozialismus und Nationalstaat, all das sind Resultate des menschlichen Gruppenegoismus. Wer für Menschenrechte und gegen die Todesstrafe, für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung kämpft, handelt nicht selbstlos, sondern kämpft in erster Linie für sich selbst. „Todesstrafe für Kinderschänder!? Und was, wenn mit mir selbst mal die Pferde durchgehen?“ - so denkt heimlich der zivilisierte Altruist.

Mittwoch, 27. Mai 2020

Wer ist Nietzsches toter Gott?





Nietzsche ahnte Freuds Psychoanalyse voraus, er hielt Dostojewskij für, wie man im Nachhinein sagen kann, einen Wegbereiter Freuds. Die Aufdeckung des Ressentiments, der Sklavenmoral, richtet sich gegen eine bestimmte Religion, aber gegen welche? Seit Kopernikus und Galilei, spätestens seit den Biologen des 19. Jahrhunderts ist das magische Weltbild des Christentums nicht bloß widerlegt. Klugen Geistern gilt es schon in der Renaissance als lächerlich.

Nietzsches toter Gott heißt Ich. Und „wir“ (seine Zeitgenossen) sind seine Mörder: das bedeutet, dass die Psychologie dabei ist, das Selbstbild des Ichs zu widerlegen. Alle Motive, die ich mir zuschreibe, gelten nicht. Ich betrüge mich ständig selbst. Mein Unter- und Unbewusstes spielt die Musik, ich tanze nur. Das große Ich, das liberale freiheitliche selbstbestimmte Individuum ist tot. Und wir haben die Ich-Religion, den Atheismus/Szientismus so weit getrieben, dass wir am Ende deren Gott, das Ich, zerstörten.

Dienstag, 26. Mai 2020

Warum ist der Atheismus/Szientismus die Ich-Religion?




Die Antwort gibt der große Theologe des Szientismus, Descartes: Ich kann mich über alles täuschen, aber nicht darüber, dass ich mich täuschen kann. Sich zu täuschen, ist ein Akt des Denkens. Eins weiß ich also mit Sicherheit: Ich denke. Also bin ich.

Was ist das für eine Art des Denkens? Es handelt sich um analytisches, wissenschaftliches Denken. Es gibt keine Universalien/Allgemeinbegriffe, von denen deduziert werden kann. Das Denken muss durch sich selbst zur Wahrheit finden und durch induktive Erkenntnismethoden foranschreiten. Dieses Paradigma ist der Szientismus.

Da nur das Sein des denkenden Ich sicher ist, ist das Ich absolut: das Ich ist Gott. Einen Gott außerhalb seiner Selbst zu verneinen ist Atheismus. Da das Paradigma des wissenschaftlichen Denkens ein Fortschreiten der Erkenntnis ist, überträgt sich der Fortschrittsgedanke auf die gesamte Weltanschauung. Daher kommt die Evolutionstheorie in der Lebenswissenschaft und der technologische Fortschritt als angewandtes Fortschrittsdenken.


Montag, 25. Mai 2020

Die Ich-Religion





Im Hochnihilismus, dem Atheismus der Renaissance, später interpretiert als Humanismus, hieß die Glaubensformel: Ich bin einzigartig. Doch mit diesem Ich war nicht jeder gemeint, sondern das große Künstlergenie, der absolute Monarch, der vortreffliche Mensch.

Im konservativen Nihilismus, dem Atheismus der Neuzeit, waren wenige einzigartig und der Rest waren Massenmenschen. Der soziale Aufstieg in liberal-kapitalistischen Gesellschaften war der Weg zur Klasse der Einzigartigen. Schließlich begerhrte ein ganzer Stand auf (das Bürgertum), um am Einzigartigkeitswahn partizipieren zu können.

Im sozialistischen Nihilismus, dem Atheismus der Moderne, heißt es: Jeder ist einzigartig. Dadurch entwertet sich der Narzissmus des empirischen Ich und der Atheismus verliert seinen Ethos. Einzigartig zu werden ist nicht mehr erstrebenswert, da jeder automatisch als einzigartig gilt.

Ich bin einzigartig, das ist der Glaubenssatz der Ich-Religion, des Atheismus. Gottverneinung bedeutet Selbstbejahung bis zur Selbstvergottung. Doch wenn Selbstvergottung durch Selbstverwirklichung durch die Nivellierung der Einzigartigkeit ad absurdum geführt wird, entsteht ein nihilistischer Pantheismus (bzw. Pan-Atheismus), in dem das einzigartige Subjekt (Ich) durch das einzigartige Objekt abgelöst wird (Lamborghini, Iphone usw).

Sonntag, 24. Mai 2020

Atheistische Mystik




Das Zentrum der atheistischen Religion ist das Ich: Ich denke, also bin ich. Das Mysterium des Atheismus ist das Rätsel des Bewusstseins. Descartes ist der erste Mystiker des Atheismus, Leibniz der klassische Mystiker. Fichte ist der radikale Mystiker des absoluten Ich, der atheistische Reformator. Mit Kant und Weininger schafft das Ich die Selbsttranszendenz: das transzendentale Ich löst sich vom empirischen und der fatalistische Nihilismus, die Ethik des Atheismus, wird durch den heroischen Nihilismus herausgefordert.

Der Transhumanismus und die KI entwerten den Narzissmus des empirischen Ich und lassen nur noch den heroischen Nihilismus des transzendentalen Ich in der Ethik gelten. Die Digitalisierung des Bewusstseins wird die Trennlinie zwischen dem transzendentalen und dem transzendenten (nicht körpergebundenen) Ich verdeutlichen.


Dienstag, 19. Mai 2020

Mensch ist Natur plus Technik





Der Tiger kann nicht aus eigenem Entschluss Vegetarier werden. Er kann auch nicht sagen, ob die Natur perfekt ist. Ein Naturwesen, ein Tier, ist Teil der Natur, nichts von ihm steht außerhalb der Natur. Die Natur reflektiert nicht über sich selbst. Ein Naturwesen, ein bloßes Tier, kann weder gegen die Natur kämpfen noch die Natur schützen: alles, was es tut, ist Natur.

Der Mensch kann die Naturgesetze erkennen, die Natur ästhetisch und teleologisch bewerten, gegen die Natur kämpfen oder die Natur schützen. Der Technik liegt das Bewusstsein der systematischen Erkennbarkeit der Gesetzmäßigkeit der Natur zugrunde. Der Mensch ist kein bloßes Tier, sondern er erhebt sich über die Natur, indem er über sie reflektiert, selbst wenn er zum Schluss kommt, dass die Natur perfekt ist und die Menschheit auf Technik grundsätzlich verzichten soll.

Je weiter sich die Menschheit technologisch entwickelt, umso mehr überwiegt die Technik im Hybridwesen Mensch. Letztlich kann sich der Mensch womöglich von der Natur emazipieren und zum nicht-tierischen Wesen werden. Doch auch transhumanem und transbiologischem Leben liegen Naturgesetze zugrunde, die nicht gebrochen werden können. Durch Technik kann der Mensch die Natur somit nicht zerstören, er kann lediglich ein mündiger Mitprogrammierer der Weltmatrix werden (ohne die Gesetze der Matrix zu ändern). Da dies die Natur nicht bedroht, richtet sich Technikfeindlichkeit nur zum Schein gegen die Naturzerstörung, und hat in Wirklichkeit (vielleicht unreflektierte) religiöse Gründe, insofern mit Religion, wie allgemein üblich, jedoch unausgesprochen, eine Selbstverpflichtung zur Unmündigkeit in den wichtigsten Fragen des Lebens gemeint ist.

Montag, 18. Mai 2020

Christliche und atheistische Pornokratie





Die umstandslose, fast automatische Gleichsetzung von Frauenfeindlichkeit und Sexualfeindlichkeit spricht Bände, doch einer dieser Bände könnte auch Weiningers „Geschlecht und Charakter“ sein. Wer gegen Sex ist, ist gegen das Weib, behauptet hier jedoch gerade derjenige, der das Weib vor christlichem Frauenhass retten will.

Karlheinz Deschner beklagt die christliche Negation der Willensfreiheit, gesteht dem freien Willen aber keine große Kraft zu: der menschliche Wille kann einfach nicht stark genug sein, um im Zölibat zu leben; der Mensch ist, wie aus Deschners Zölibat-Kritik hervorgeht, ein Sklave seines Sexualtriebs.

Die Ursache der Zölibat-Einführung in der Kirchengeschichte mag pekuniärer Natur gewesen sein (ehelose Priester leiten mehr Geld an Bischöfe und Päpste als verheiratete), aber die Idee des Zölibats selbst ist edel: wer sich völlig der Religion widmet, entsagt der Sexualität. Und wer zu schwach ist, enthaltsam zu leben, sollte eben kein Geistlicher werden. Nicht der Zölibat war in der Kirchengeschichte die Ursache der Hurerei und des Kindesmissbrauchs, sondern die hohe Machtposition der sexgeilen Pfaffen.

Im entscheidenden Punkt reicht der Atheist dem kirchlichen Pornokraten die Hand: im Leben geht es nicht um Gott, sondern um Sex. So wie die Schweinepriester der katholischen Kirche nicht ohne Konkubinen und Huren zu leben vermochten, so wie viele Nonnenklöster nichts als Bordelle waren,  stellt auch der kritische Atheist die Sexualität über jede Kritik und macht alles, was deren freies Ausleben einschränkt, für allerlei Übel verantwortlich. 

Donnerstag, 7. Mai 2020

Was ist creepy?





Frauen hassen schwache Männer nicht nur, sie finden die vom sozialen Status wertlosen Männer „creepy“. Dabei muss man sich vor weak gammas und omegas nicht fürchten. Schwache Gammas üben fast ausschließlich Beziehungsgewalt aus und sind bloß passiv-agressiv, und auch das nur zu dem, der sich ihrer erbarmt und sich ihnen emotional öffnet (darin ähneln sie Frauen). Nur die wenigsten Omegas begehen Amokläufe. Viel mehr begehen Suizide, und selbst das tut nur ein Bruchteil der Omega-Männer.

Was ist an weak gammas und omegas creepy? Creepiness ist anscheinend eine psychologische Projektion, denn wer bloß schwach oder arm ist, kann kein Angstobjekt sein, außer wenn das Angstsubjekt sich davon gespiegelt sieht. Nach Otto Weininger hat nur der Mann Wert. Die Frau hat nur dann Wert, wenn ein Mann ihn ihr verleiht. Das geschieht durch die Liebe des Mannes. Die Frau ist nach Weininger nur sexuell und nie darüber hinaus. Das bedeutet, dass der höchste Wert, den die Frau nach dem Wiener Philosophen haben kann, der Preis ihrer sexuellen Attraktivität ist.

Die Frau hat einen Preis, der Mann hat einen Wert, wenn das Wiener Genie der Moralphilosophie nicht irrt. Die Frau leugnet den Wert (so wie die heutige verweiblichte Gesellschaft die Ehre abgeschafft und die Würde ausgehöhlt hat) und bewertet Menschen bloß nach ihrem Preis. In einem Omega-Mann, dessen soziosexueller Preis gegen Null tendiert, sieht die Frau aber ihren eigenen Wert gespiegelt, der laut dem größten Denker des 20. Jahrhunderts eben bei Null liegt.

Was keinen Wert hat, will Wert vernichten. Die Feministin, die befreite Kybele ist das nihilistische chthonische Weib, das hasserfüllt gegen das Wahre, Schöne und Gute kämpft. Der links-feministische Mainstream des ultradekadenten Westens feiert hässliche „landwhales“ und entwertet echte weibliche Schönheit als „oberflächlich“ und „lookism“, relativiert die Wahrheit und verspottet das Gute. Die Herrschaft des weiblichen Prinzips ist der Abgrund des Nihilismus, weshalb jeder nicht geisteskranke Mensch an der gegenwärtigen westlichen Gesellschaft psychisch erkrankt.

Montag, 27. April 2020

Die protestantische Ethik





Der Protestantismus steht geistesgeschichtlich in der nominalistisch-empiristischen Tradition. Die sinnlich wahrnehmbare Welt und das Einzelne (nicht das Transzendente und Allgemeine) sind in dieser Geistestradition die Realität. Da der Protestant seine Ethik aus der empirischen, nicht aus der transzendenten Realität ableitet, passt er sich im Laufe der Neuzeit an die Realität der kapitalistischen Produktionsweise optimal an. Die protestantische Ethik ist aus dem Geist des Kapitalismus entstanden, nicht umgekehrt. Max Weber hat Ursache und Wirkung vertauscht. Der Kapitalismus selbst hat eine andere psychosoziale Ursache, nämlich die Reaktion auf die Katastrophe des 14. Jahrhunderts.

Sonntag, 26. April 2020

Gewalt gegen Frauen





Der Phraseologismus „Gewalt gegen Frauen“ ist ein feministisch-faschistoider Kampfbegriff; einer bestimmten Gruppe wird auf Kosten anderer, mehr von Gewalt betroffener Gruppen (Kinder und Männer) das Privileg des vorrangigen Schutzes vor Gewalt zugesprochen. Damit wird Gewalt gegen Kinder oder Männer verharmlost.

Öffentlich-politisch werden die meisten Gewaltakte von Männern gegen andere Männer verübt, privat-häuslich von Frauen gegen Kinder (gefolgt von der Gewalt von Frauen gegen Männer, dann mit weiter abfallender Häufigkeit von Männern gegen Frauen und von Männern gegen Kinder).

Doch die schlimmere Gewalt ist die Gewalt gegen Schutzbefohlene, Schwächere, Wehrlose. Egal, ob Männer oder Frauen Täter sind. Der Propagandabegriff „Gewalt gegen Frauen“ verschleiert dies und privilegiert Frauen als besonders schützenswerte Gruppe, sogar schützenswerter als Kinder (Gewalt gegen Kinder findet ja jeder schlimm, aber Gewalt gegen Kinder wird nie so skandalisiert wie Gewalt gegen Frauen).

Freitag, 17. April 2020

Der Vernunft-IQ




Jeder kennt den jedem bekannten Intelligenzquotienten, den IQ. Dann gibt es noch den phantasmagorischen Emotionalitätsquotienten, den EQ. Nicht von schlechten Eltern ist der Beauty-Quotient, der BQ. Aber im Ernst: Den gemeiniglich geläufigen IQ kann man den Verstandes-IQ nennen, denn in den fließt Urteilskraft möglicherweise vielleicht, aber Vernunft in keinster Weise mit ein. Deshalb sollte ein Vernunft-IQ eingeführt werden.

Die Vernunft ist die Fähigkeit, das Ganze zu sehen, richtige Schlüsse zu ziehen, alles Mögliche tiefgründig zu verstehen. Die meisten Menschen haben einen sehr niedrigen Vernunft-IQ, womit sich auch erklären lässt, warum sie sich viel klüger fühlen als sie sind. Wenn der Verstandes-IQ den Vernunft-IQ deutlich übersteigt, fühlt man sich sehr schlau. Ist der Vernunft-IQ höher, fühlt man sich wie ein Idiot. Während Hochbegabung mit dem (Verstandes)-IQ von 130 anfängt, sollte Genialität wie gehabt mit einem IQ von 160, jedoch einem Vernunft-IQ in Zusammenhang gebracht werden. Ein Rechenmeister mit einem IQ von 160 und einer schwachen Vernunft ist kein Genie. Ein Normalhochbegabter mit einem Vernunft-IQ von 160 ist der Genialität schon deutlich näher.

Es ist eine besonders undankbare Zeitverschwendung, wenn man es mit einem Menschen zu tun hat, dessen Verstandes IQ vielleicht bei 115 liegt, das aber bei einem Vernunft-IQ von 45. Dieser wähnt sich
dann allwissend, ist aber ignorant und gedankenlos und gibt nur Belanglosigkeiten von sich.

Dienstag, 14. April 2020

Degeneration des Mitgefühls





Viele Menschen, die ein verkorkstes Leben haben, „rächen“ sich dafür an anderen, die nichts dafür können. Das ist nicht einfach nur „menschlich-allzumenschlich“, sondern verachtenswert und nicht zu entschuldigen. Doch leider gibt es in unserer ultradekadenten Gesellschaft zu viel Verständnis für diese schlechten, toxischen oder gar bösartigen Menschen.

Moralisch gesundes Mitgefühl gilt einem verzweifelten Hilfesuchenden, aber keinem hinterfotzigen Intriganten. Wer Böses tut, verdient kein Verständnis, egal, wie schlecht seine Lage ist, aus welcher heraus er Böses tut. Wer Böses tut, verdient kein Mitgefühl. Er ist des Mitgefühls nicht wert.

Dass es einem schlecht geht, ist keine Entschuldigung dafür, andere runterzuziehen, zu manipulieren und zu misshandeln. Doch je tiefer eine Gesellschaft in die Ultradekadenz abrutscht, umso mehr Menschen haben Verständnis dafür, weil sie selbst so handeln. Sie gehen an ihrer eigenen Schlechtigkeit zugrunde, werden unglücklich, und ziehen andere runter. Um sich vor der daraus entstehenden sozialen Kloake zu schützen, müssen gute Menschen den Schlechten gegenüber hart werden, wodurch sie dem ultradekadenten Betrachter als arrogante und mitleidlose Menschenfeinde erscheinen.    

Montag, 13. April 2020

Zorn und Mitgefühl





Das Gute dirimiert sich in das Wohl und das Recht, jedes für sich allein ohne die andere Seite der Medaille ist nicht gut. Die empirische Bestimmung der Moralität durch das Mitgefühl gleicht der Reduktion des Guten auf das Wohl. Die andere Seite der Medaille ist der gerechte Zorn; das gesunde moralische Gefühl enthält sowohl Mitleid als auch Zorn. Bloßer Zorn ohne Mitleid ist barbarisch, bloßes Mitleid ohne Zorn ist dekadent.

Samstag, 4. April 2020

Subjektiver Gottesbeweis





Erfahrungssätze:

1. Ich bin gut.
2. Diese Welt ist schlecht.

Logische Sätze:

3. Ich bin nicht Ursache meiner Selbst.
4. Das Schlechte kann nicht Ursache des Guten sein.

Schluss:

5. Ich bin nicht von dieser Welt, sie kann nicht meine Ursache sein.
6. Es gibt einen guten Schöpfer außerhalb dieser Welt.

Freitag, 3. April 2020

Antinatalismus leicht widerlegt?





Der Antinatalismus, die Ablehnung der Kinderzeugung aus moralischen Gründen, ist kontraintuitiv und scheinbar leicht zu widerlegen. A ist Antinatalist, weil er eine schlechte Kindheit hatte, B ist Antinatalist, weil er keine Verantwortung für Kinder übernehmen will, C ist Antinatalist, weil er eine schizoide Persönlichkeitsstörung hat und menschliche Beziehungen grundsätzlich vermeidet, D ist Antinatalist, weil er unglücklich und depressiv ist.

Was hat aber das Motiv, aus welchem jemand eine bestimmte Wahrheit verteidigt, mit der logischen Validität dieser Wahrheit zu tun? Die Wahrheit des Antinatalismus ist, dass Leid schwerer wiegt als Glück (hedonisches Beispiel: keiner würde eine Stunde, ein Jahr, ein Leben im größten vorstellbaren Glück mit einer Stunde, einem Jahr oder einem Leben im größten vorstellbaren Leid eintauschen; ethisches Beispiel: wer ein Kind vergewaltigt, und diesem Kind dann sein Haus vererbt, macht die Vergewaltigung nicht wieder gut), und dass, selbst wenn es ein Gleichgewicht zwischen Glück und Leid gäbe, das Nichtgeborenwerden eines Glücklichen niemandem etwas raubte (und damit ethisch neutral wäre), während das Nichtgeborenwerden eines Unglücklichen jemandem Übel ersparte (und damit ethisch gut wäre).

Wenn das Motiv, ein schönes Bild zu malen, der Narzissmus des Malers gewesen ist, ist das Bild deshalb nicht mehr schön? Wenn der Entdecker des Satzes des Pythagoras auf diese mathematische Wahrheit aufgrund einer Zwangsstörung gekommen ist, ist der Satz des Pythagoras deshalb falsch? Wenn derjenige, der die Menschenrechtserklärung zum ersten Mal formuliert hat, ein Sklave gewesen ist, entwertet das die Logik der Menschenrechte?

Dienstag, 31. März 2020

Verlogenheit als Ehrlichkeit




Die perverseste Verkehrung der Wahrhaftigkeit ist eine Verlogenheit, die sich als Ehrlichkeit darstellt. "Ich bin der Meinung, dass alle Menschen Egoisten sind. Ich bin ehrlich, ich gebe zu, dass ich ein Egoist bin", ist ein Beispiel für diese Art von Verlogenheit. Der Bessere, der moralisch Höhere soll durch diese Unterstellung heruntergezogen werden, wobei die Bekenntnis des Schlechten zu seiner Nichtswürdigkeit die Schlechtigkeit aller Menschen erschleichen soll. Es ist eine verlogene Gleichmacherei.

Reduktionismus ist nicht Ehrlichkeit, sondern Dummheit. Wer auf einer niedrigen moralischen Stufe steht und nicht in der Lage, von einer höheren Stufe aus Werturteile zu treffen, ist nicht ehrlich, wenn er dem Höheren Niedrigkeit und Gemeinheit unterstellt, die er bei sich selbst vorfindet. Der Verlogene glaubt an seine eigenen Lügen; der seinen primitiven Reduktionismus als "ehrlich" Lobende ist entweder dumm oder ein klinischer Fall von Narzissmus.  

Freitag, 27. März 2020

Virtue Signalling verstehen





Der Starke kann nett sein, muss aber nicht. Der Schwache ist nett, weil er keine Alternative hat. Wer Virtue Signalling treibt, ruft: „Seht her, wie nett ich bin!!!“  Virtue Signalling ist kein bloßes „Moralprotzen“, und steht moralisch wie ästhetisch noch unter dem selbstgerechten Pharisäertum. Der Starke muss nicht zeigen, dass er nett ist; er kann es sein, wenn er will, er kann es auch nicht sein, wenn er nicht will. Der bloß Schwache ist nett und still. Der ängstliche Schwache muss sicher gehen, dass alle sehen, wie nett er ist, um zu zeigen, dass er kein legitimes Angriffsziel und auch kein  Konkurrent ist, sondern zu der Gruppe „Frauen und Kinder“ zu zählen ist.

Dienstag, 21. Januar 2020

Individualismus ist lebensfeindlich aber dennoch gut






Veganismus, Antinatalismus, MGTOW und Selbstbestimmung der Geschlechtsidentität sind verwandte Phänomene. Sie resultieren aus dem Individualismus der westlichen Zivilisation. Veganismus und Antinatalismus sind Konsequenzen der zu Ende gedachten individuellen moralischen Verantwortung, MGTOW und Selbstbestimmung der Geschlechtsidentität sind Folgen der konsequnten Wahrnehmung individueller Rechte.

Penisbestückt wie jeder biologische Mann, doch wählerischer als die wählerischste Frau, habe ich das Recht, meine eigene Geschlechtsidentität zu definieren; nicht nur an höchster Qualität, sondern auch an hoher Quantität von Sexualpartnern höchster Qualität interessiert, und kinderlos bleiben wollend, kann ich meine Gender-Identität als Polyqualikiloframann definieren. Auf der Seite der moralischen Verantwortung muss ich einsehen, dass ich kein Recht habe, ein anderes Individuum, das mich nicht darum gebeten hat, in diese Welt zu bringen, und ihm mich als Elternteil, mein genetisches Erbe, meine Zeit, Kultur und politische Weltlage zuzumuten. Kinderzeugung ist, konsequent individualistisch betrachtet, ein schwereres Verbrechen als Mord.

Den Individualismus kann man in zwei Richtungen verlassen: entweder in Richtung Kollektivismus oder in Richtung Nihilismus. Kollektivismus ist aus individualistischer Sicht immer entweder Nationalismus oder Rassismus oder Speziesismus; der Nihilismus ist Tierreich, da gelten keine Regeln im Sinne von Sollensbestimmungen: alles, was die Naturgesetze nicht verbieten, ist erlaubt. Wenn der Individualismus eine Sackgasse ist, so jedenfalls eine hellere als die anderen beiden. Einen moralisch tragbaren Ausweg aus der Aporie sehe ich nicht.

Freitag, 3. Januar 2020

Warum Idioten gewinnen





In zwischenmenschlichen Konflikten gewinnt in der Regel der Frechste, nicht der Stärkste. Der Freche ist dumm und sein Ego bloß empirisch, was dazu führt, dass er in jeder Situation, in der er empirsch anwesend ist, voll da ist, und mit ganzer Kraft agieren kann. Dagegen ist der Kluge oder höhere Mensch nicht auf sein empirisches Ich beschränkt, sodass er in vielen sozialen Situationen sich nur an einem Nebenschauplatz seines Lebens befindet. Deshalb wird er niemals seine ganze Kraft für einen Sieg in einem Bereich seines Lebens einsetzen, der für ihn nicht die höchste Priorität hat.

Der dumme und freche Narzisst dagegen hat seinen Lebensmittelpunkt immer dort, wo sich sein empirisches Ich, sein Ego, gerade befindet. Soziale Siege des Pöbels, der Dummheit und des Narzissmus sind daher nicht als Beweis der Überlegenheit des moralisch und ästhetisch Minderwertigen zu verstehen, denn sie resultieren aus taktischen Rückzügen klügerer und feinerer Menschen in Konflikten auf Nebenschauplätzen des Lebens. Aus denselben Gründen triumphieren Frauen in sozialen Auseinandersetzungen oft über Männer: Männer nehmen diese nicht so wichtig und ziehen sich zurück, um ihre Zeit und Kraft für wirklich Wichtiges zu sparen.